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Einsatz für Displaced Persons in der Britischen Zone

Josef Rosensaft spricht auf dem 2. Kongress'des Zentralkomitees der befreiten Juden in der Britischen Zone, links neben ihm Norbert Wollheim, 'Bad Harzburg, Juli 1947'© United States Holocaust Memorial Museum (Wollheim-Nachlass)
Josef Rosensaft spricht auf dem 2. Kongress
des Zentralkomitees der befreiten Juden in der Britischen Zone, links neben ihm Norbert Wollheim,
Bad Harzburg, Juli 1947
© United States Holocaust Memorial Museum (Wollheim-Nachlass)
Mitgliedskarte Norbert Wollheims für das „KAZET-Theater“ des DP-Camps Belsen'© United States Holocaust Memorial Museum (Wollheim-Nachlass)
Mitgliedskarte Norbert Wollheims für das „KAZET-Theater“ des DP-Camps Belsen
© United States Holocaust Memorial Museum (Wollheim-Nachlass)

 a  „We came to Lübeck and went to the German Bürgermeister, to the mayor of Lübeck who had not been elected, he had been put into the position by the British because the British had occupied Lübeck on May 3. and we told him, ‘What about your commitment? Did you provide apartments or rooms for those people?’ And he said, ‘No, we have made provisions in a barrack for all these people to be accomodated.’ At this moment my friend and I looked at each other and he did something that is only understandable under the situation then. He afterall was an American soldier, though a staff sergeant. But he was in a territory occupied by the British. But he assumed a certain jurisdiction he wasn’t entitled to but in order to help it didn’t matter. He actually touched his rifle and told the mayor in Lübeck in no uncertain terms in German that they had made a commitment for people who had enough of barracks, who had lived for years under the most unbelievable conditions because the Germans wanted it that way. That therefore if he doesn’t fulfill his commitment, he would see to it that he will sweat it out in the jail of the Allies. And that fellow when he heard those words said, ‘Certainly he didn’t mean it that way.’ And this and that; so to cut a long story short, a bus with our people were waiting and then another bus was provided which went from apartment to apartment according to a certain list which had been prepared by the administration in Lübeck and we were all put as subtenants into rooms of German landlords. And this is how I came to Lübeck in June 1945. There I lived until I left for the United States in fall 1951.“

(Norbert Wollheim, Interview mit Nikolaus Creutzfeldt [Eng.], New York 1986–88 (Heinlyn Productions; produziert von Leslie C. Wolf). Archiv des Fritz Bauer Instituts, Transkript, S. 164–165.)

 

 b  „Ich habe für die Menschen hier und für mich selbst an Sie eine grosse Bitte: Versäumen Sie bitte keine Gelegenheit und suchen Sie bitte jede Möglichkeit, die Menschen dort zu unterrichten, sie aufzumuntern oder besser gesagt, aufzurütteln. Wir haben vor 14 Tagen in Belsen ein Massenmeeting gehabt, das unter dem Motto stand: „6 Millionen vergaste Juden, – Welt, wo ist Dein Gewissen?“ Dieses Motto ist kennzeichnend für die Situation, in der wir zur Zeit leben. Wir sind gerettet, aber wir sind nicht befreit. Wir wissen, dass es eine Reihe jüdischer Menschen gibt, – und wir haben viele hier getroffen –, die von dem, was sie hier gesehen und erlebt haben, so tief betroffen sind, dass sie alles tun werden, um unserer Stimme Gehör zu verschaffen. Helfen Sie uns dabei! Helfen Sie uns dabei, es jedem eindringlich klar zu machen, dass wir auf vieles warten, was bisher nicht realisiert worden ist. Was sind uns heute Rationen oder Zigarettenliebesgaben oder Schokoladespenden! Gewiss, eine wertvolle Hilfe für die wir dankbar sind, aber entscheidend ist und bleibt der Wunsch, der uns doch letzten Endes die Energie und die Kraft zum Durchhalten gegeben hat, endlich einen Platz für uns zu finden. Und sollte es für die Gruppe der nur 60000 Übriggebliebenen keinen Lebensraum ausserhalb dieser blutgetränkten Erde geben?“

(Norbert Wollheim, Brief an Hermann E. Simon, 26.8.1945. USHMM, Wollheim-Nachlass, Box 9, Correspondence File, Simon Letters, S. 2.)

 

 c  „Ein weiterer Unterschied zur amerikanischen Zone war die Tatsache, daß es bei uns mehr Spannungen mit der Besatzungsbehörde gab, da die Briten in Palästina ja gegen unsere Interessen handelten. Ich möchte nur an die ‚Exodus‘-Affäre erinnern. Wir brauchten daher ganz besonders Einstimmigkeit in den eigenen Reihen, und ich muß sagen, es klappte ausgezeichnet.“

(Norbert Wollheim in: Michael Brenner: Nach dem Holocaust. Juden in Deutschland 1945–1950. München: Beck 1995, S. 144.)

 

 d  „There was still another job to be done in which I participated and that was, under the military statute, a so-called successor organization was built to claim the heirless and community property of the Jewish community. This was under Allied law with the seat in London and I became one of the founders and we were able then to solve the problems by putting all the funds which accumulated out of community property which was not used by new communities, and heirless property into one fund and this fund was administered by a mutual committee of the communities and the major Jewish organizations and then distributed especially for social purposes for needy people in Israel and in America, so that was the Jewish Trust Corporation and then I came to the United States.“

(Norbert Wollheim, Second Interview [Eng.], 17.5.1991. United States Holocaust Memorial Museum, Transkript, S. 63–64 [sprachlich bereinigt].)

 

 e  „Q: Why did you decide to come to America? As opposed to England or Israel?

NW: Well, there were personal reasons.

I was looking for my friends and I was looking for my family. Because we had approxim[a]tely eighty or ninety members of my family. Because both my father and my mother had eight sisters and brothers. None of them survived except a cousin now living in Paris. And a cousin who had lived underground in Germany. That was all. So I was looking for people who were near and dear to me. I had a few relatives in the United States and I then found gradually the lost friends of my Youth Movement and others in the United States. And also I had acquired a better knowledge of English.

Also my second wife was always together with a group in these years. Had a very close relationship with her sister. And the sister and her husband decided to come to the United States and my wife didn’t want to be separated from her sister. So that had nothing to do with ideological reasons. It was more personal reasons. I had come to experience the United States in ’46 when I was invited to come over as a so-called messenger of the remnants and had gone all over the country to speak to people and to give them an idea of the situation. So at this time I had solidified my relationship with the people I hadn’t seen for years and years. Including my Youth Leader, Marin Sobotka [Martin Sobotker].“

(Norbert Wollheim, Interview mit Nikolaus Creutzfeldt [Eng.], New York 1986–88 (Heinlyn Productions; produziert von Leslie C. Wolf). Archiv des Fritz Bauer Instituts, Transkript, 180–181.)

Ende April 1945 trieb die SS die Häftlinge des KZ Sachsenhausen bei Berlin, auf das die Rote Armee vorrückte, nach Norden. In der Nacht vom 2./3. Mai 1945 beschlossen Norbert Wollheim und mehrere Freunde, unter ihnen Albert Kimmelstiel, zu fliehen. Am nächsten Morgen trafen sie bei Schwerin auf amerikanische Soldaten, unter ihnen Hermann E. Simon, der mit Freunden Wollheims in New York befreundet war. Da Schwerin Teil der russischen Besatzungszone wurde, riet Simon, in das relativ unzerstörte Lübeck zu gehen.  a  Schon bald begann Norbert Wollheim, am Aufbau eines neuen jüdischen Gemeindelebens in der britischen Besatzungszone mitzuarbeiten.

 

Zu dieser Zeit hielten sich nach Norbert Wollheims Erinnerung etwa achthundert jüdische Displaced Persons (DPs) in Lübeck auf. In der gesamten Britischen Zone lebten in den Jahren nach dem Krieg etwa 15.000 DPs, davon die meisten im DP-Camp Belsen. In Lübeck erfuhr Norbert Wollheim zum ersten Mal von Belsen und es gelang ihm, sich mit Hilfe eines Rotkreuztransports dorthin zu schmuggeln, obwohl er keinen Passierschein für Reisen innerhalb der Britischen Zone besaß. Dort traf er Josef (Yossele) Rosensaft, den Vorsitzenden des Komitees der befreiten Juden in Belsen. Gemeinsam beschlossen sie, das Zentralkomitee der befreiten Juden in der Britischen Zone zu gründen, auf dessen 1. Kongress am 25.–27. September 1945 Josef Rosensaft zum Vorsitzenden und Norbert Wollheim zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt wurden. Wollheim war für den Kontakt zu den britischen Besatzungsbehörden zuständig. In dieser Zeit fuhr er jede Woche für Organisationstreffen nach Belsen; von den Lebensumständen und Nöten der jüdischen DPs berichtete er Hermann Simon, der inzwischen aus der Armee ausgeschieden und nach New York zurückgekehrt war.  b 

 

Im folgenden Jahr wurde Norbert Wollheim zum Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinden in der Britischen Zone gewählt. Im Gegensatz zur US-Zone, in der eine weitaus größere Zahl DPs lebte und wohin in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg noch tausende aus Osteuropa migrierten, arbeiteten in der Britischen Zone die deutschen und osteuropäischen Juden in den wiederentstehenden Gemeinden und den DP-Camps eng zusammen. Neben der Organisation von Essen, Kleidung und medizinischer Versorgung für die DPs bestand die Arbeit des Zentralkomitees der befreiten Juden in der Britischen Zone, darin, Verbindungen zu anderen DP-Camps herzustellen und den Überlebenden bei der Suche nach Angehörigen zu helfen. Daneben entstand in den Gemeinden und DP-Camps ein neues religiöses und kulturelles jüdisches Leben, es wurden Schulen und Theater gegründet.

 

Unterstützt wurde das Zentralkomitee in seiner Arbeit von amerikanischen und britischen jüdischen Organisationen, z.B. dem American Jewish Joint Distribution Committee bzw. der Jewish Relief Unit. Als Teil seiner politischen Arbeit mit britischen jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen und dem Aufbau von politischen Kontakten in London zum Wohle der DPs reiste Norbert Wollheim im Mai 1946 zum ersten Mal nach England, weitere Reisen folgten. Im selben Jahr wurde er vom United Jewish Appeal eingeladen, in mehreren Städten in den USA über die Lage der jüdischen DPs in Deutschland zu berichten. Auch in Deutschland waren Wollheims öffentliche Äußerungen zahlreich.

 

Die zentrale Aufgabe des Zentralkomitees lag jedoch darin, den DPs bei der Auswanderung zu helfen. „And we had accepted already that line that certainly the emphasis is that people want to go to then Palestine, but also those who want to join their relatives in England and America, should been given the opportunity as soon as possible to do this because Europe is one big cemetery for us.“[1]Dies gestaltete sich häufig schwierig, da die Einwanderungsquoten vieler Länder sehr niedrig lagen, und häufig hatten Überlebende, die an Krankheiten litten, die sie sich im Lager zugezogen hatten, zusätzliche Schwierigkeiten, ein Visum zu erhalten. Viele DPs wollten nach Palästina auswandern, doch war dies auf Grund der restriktiven Politik der britischen Regierung das „Mandatsgebiet Palästina“ betreffend kaum möglich. Dieser Interessensgegensatz führte zu zahlreichen Spannungen zwischen DP-Vertretern und Besatzungsbehörden in der britischen Zone.  c  Die DP-Vertreter unterstützten die Aliya Bet, die illegale Einwanderung nach Palästina. Erst mit der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 (5. Iyar 5708) ergab sich für viele DPs die Möglichkeit zur Auswanderung. Im August/September 1949 lebten noch etwa 3.500 DPs in der Britischen Zone.

 

Norbert Wollheim beteiligte sich auch an der Gründung der Jewish Trust Corporation for Germany, deren Aufgabe darin bestand, in der britischen Zone das Vermögen der vernichteten jüdischen Gemeinden und erbenloses Vermögen für jüdische Nachfolgeorganisationen zu sichern, um es für soziale Zwecke einzusetzen.  d  Daneben war er in den Wiederaufbau dauerhafter jüdischer Gemeindestrukturen in Deutschland involviert. Im August 1951 wurde das Zentralkomitee der befreiten Juden in der Britischen Zone schließlich aufgelöst. Im September wanderte Norbert Wollheim mit seiner Familie in die USA aus.  e  „Ich verließ Deutschland, als ich dachte, die Arbeit wäre getan. Dies bedeutete nicht nur die Auflösung des Lagers, sondern die Klärung wichtiger Fragen, die Wiedergutmachung und den Wiederaufbau jüdischen Lebens betreffend.“[2]

(MN)



Quellen

Norbert Wollheim, Brief an Hermann E. Simon, 26.8.1945. USHMM, Wollheim-Nachlass, Box 9, Correspondence File, Simon Letters.

Norbert Wollheim, Interview mit Nikolaus Creutzfeldt [Eng.], New York 1986–88 (Heinlyn Productions; produziert von Leslie C. Wolf). Archiv des Fritz Bauer Instituts, Transkript.

Norbert Wollheim, Second Interview [Eng.], 17.5.1991. United States Holocaust Memorial Museum, Transkript.

 

Literatur

Brenner, Michael: Nach dem Holocaust. Juden in Deutschland 1945–1950. München: Beck 1995.

Geis, Jael: Übrig sein – Leben "danach". Juden deutscher Herkunft in der britischen und amerikanischen Zone Deutschlands 1945–1949. Berlin: Philo 1999.

Geller, Jay Howard: Jews in Post-Holocaust Germany, 1945–1953. Cambridge/New York: Cambridge UP 2005.

[1] Norbert Wollheim, Second Interview [Eng.], 17.5.1991. United States Holocaust Memorial Museum, Transkript, S. 54 [sprachlich bereinigt].

[2] Norbert Wollheim in: Michael Brenner: Nach dem Holocaust. Juden in Deutschland 1945–1950. München: Beck 1995, S. 147.